Solange sie jung sind
Der Rettungsarzt ist sich sofort sicher: Schlaganfall.
„Das habe ich gehasst“, sagt er.
Diese Feldwebelpose, die Hände auf dem Rücken verschränkt, ist ein vertrauter Anblick. Ein altvertrauter. Nicht der Wind, der über den Markt fegt, lässt seinen Rücken gebeugter erscheinen, auch nicht der leichte Lederrucksack. Wer gerade Siebenundsiebzig geworden ist, der hat diese Jahre wahrhaftig auf dem Buckel.
Er nickt noch einmal bestimmt, als die Frau aufsieht. Zum Teil unter der Masse an Kleidern, zum Teil unter ihrer eigenen, ist der Schemel verschwunden, auf dem sie hockt, um ihrer Arbeit nachzugehen.
„Sie haben das gemacht?“, fragt sie. Sie ist skeptisch.
Trotz der Kälte, die ihre aus den Handschuhen hervorlugenden Fingerkuppen gerötet hat, arbeitet sie flink und geschickt weiter. Eins fügt sich zum anderen.
„Na ja“, winkt er ab, „Sie machen das natürlich viel besser als ich. Ich musste es machen.“
Dann erzählt er vom vergangenen Sommer, von diesem Samstag, als er sich in der Straßenbahn auf einmal nicht mehr halten konnte. Nichts ungewöhnliches in seinem Alter. Es gefällt ihm zwar nicht, aber manchmal, wenn er zurückblickt und vergleicht, wie es früher war und wie sich alles in Richtung Vergänglichkeit bewegt, muss er sich eingestehen, dass ab einem bestimmten oder unbestimmten Zeitpunkt im Leben nur noch eines geschieht. Der Mensch wird älter.
Das hier war aber anders. Es war wie etwas, das sich angeschlichen hatte, um ihn anzuspringen. Merkwürdigerweise lief das alles innerlich ab. Nur ein Schatten war da manchmal zu ahnen aus dem Augenwinkel. Ein Schatten, der sich nicht entdecken ließ.
Zu Hause angekommen, versagte immer wieder das rechte Bein. Es ließ ihn stürzen, als gäbe es die Gliedmaße gar nicht mehr. Einen Arzt? Einem dieser Kurpfuscher wollte er sich nicht anvertrauen. Ein Leben lang gepflegte Widerspenstigkeit nimmt im Alter noch zu. Doch einen Tag später siegte die Vernunft, wenn auch nicht seine. Der Rettungsarzt ist sich sofort sicher: Schlaganfall. Er kam sofort in die Klinik.
Alleine bewegen war nur noch mit Gehhilfe möglich, die rechte Seite wollte nicht mehr so recht. Gerade auch die Hand machte Probleme, es fiel schwer, den Löffel zu halten, der Kugelschreiber war auf einmal ein fremdes Instrument zwischen den Fingern.
„Aber da bin ich schnell wieder weg“, erklärt er der Frau vor sich, die ihre Arbeit unterbrochen hat, um ihm mit frostroten Backen zu lauschen. „Doch in den drei Wochen in der Reha, die ich dann machen musste, haben sie mich rangenommen. Auch damit!“
Drei Wochen im Sommer. Wieder richtig laufen lernen und neben der Grobmotorik von Gehen und Gleichgewicht eben auch die Feinmotorik, damit die Finger wieder mitspielen. Er schaffte es, ohne Verlängerung des Kuraufenthaltes entlassen zu werden.
Ich habe seiner Erzählung ein paar Schritte weiter gelauscht, trete hinzu, nehme ihn am Arm und nicke kurz der Frau zu, die ein paar frische Ruten aus dem Bündel zieht und flink einarbeitet in das vorhandene Grundgerüst. Sicher wird sie nicht mehr lange brauchen, bis ein weiterer Korb zu den bereits ausgestellten ihres Handwerksstandes auf dem Weihnachtsmarkt hinzu kommt.
„Wollen wir?“, frage ich ihn.
Für einen Moment scheint er noch in der Erinnerung gefangen, schaut auf die Körbe, die Weidenruten, holt seine rechte Hand hervor, öffnet und schließt die Finger. Ja, sie funktionieren beinahe wieder so wie vor dem Schlaganfall. Ich bin froh, dass er die Weidenrutenflechttherapie über sich ergehen lassen hat und alles andere auch. Bin froh, dass er sich entschlossen hat, noch eine Weile zu bleiben.
Die Erlebnisse, die Menschen miteinander teilen können, werden früh genug aufhören. Die Erinnerungen, die jeder nur für sich allein hat, nicht. Sie sind Ankerplätze, die aber nur solange einen festen Platz bedeuten, wie man sie erneut ansteuern kann. Irgendwann ist das vorbei. Von dem Moment an, wo die Erinnerungen selber alt werden.
Feiert sie, so lange sie jung sind – So lange ihr den Menschen wiedertreffen könnt, mit dem sie euch verbinden.
Die Korbflechterin wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, die sicher nur der Wind hervor gelockt hat. Er hat aufgefrischt, die Planen der Marktstände flattern.
Wir verabschieden uns. Vorsichtig setzt Vater seine Schritte auf dem buckligen, alten Pflaster.
„Aber dieses Korbflechten“, sagt er, „das habe ich gehasst!“
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Erinnerungen sind so wichtig für uns. Um uns zu erfreuen, zu reflektieren und letztendlich unser Leben für uns begreifbar im wahrsten Sinne des Wortes zu machen. Vielen Dank für diese Geschichte!
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