Kennen Sie einen guten Zahnarzt…?
Weiche Hände und die Kriterien für die Qualität eines Zahnarztes
Ein neu hinzugezogenes Pärchen aus der etwas weiteren Nachbarschaft sprach mich kürzlich an, als wir – wieder einmal – vor der geschlossenen Bahnschranke warteten. Auf diese Art hatten wir uns bereits zuvor kurz kennengelernt. Oder vielmehr überhaupt. Wir wussten nun, aha, der bzw. die wohnt offenbar um die Ecke. Die kleine Tochter – schätzungsweise fünf Jahre alt – stand daneben. Diesmal hatten ihre Eltern eine Frage an mich:
„Entschuldigen Sie, gut dass wir Sie gerade treffen. Sagen Sie, kennen Sie vielleicht einen guten Zahnarzt in der Nähe?“
Ich weiß, es hört sich nach einer ganz einfachen Frage an, aber nichts wird so unterschiedlich beurteilt wie die ‚Qualität’ eines Zahnarztes. Die Kriterien sind einfach zu verschieden.
Was ist in diesem Fall gut? Erwarte ich sofort einen Termin, habe keine Geduld hinsichtlich Wartezeit? Will ich neueste technische Scheckimeckis in der Praxis? Erhoffe ich eine zügige Arbeitsweise, ein verbindliches Wesen? Bin ich schmerzempfindlich, ängstlich? Für den einen ist ‚gut’, wenn es schon prophylaktisch eine Betäubungsspritze gibt, für den anderen ist das ein Grund, laut ‚Körperverletzung’ zu brüllen.
Reicht mir ein Zahnarzt für das Normale, oder suche ich den Spezialisten für Implantate? Stelle ich mir optisch was Nettes vor? Bevorzuge ich vielleicht Frau (bzw. Mann)? Das geht weiter bis hin zur Frage: Wie ist die Lektüre im Wartezimmer? Oder auch: Muss ich Treppen steigen? …
Es gäbe also viele Punkte, und ich kenne die Neuen noch nicht genauer.
Die Schranke ist weiterhin zu, ich hake nach, beschreibe dann meinen Doktor, mit dem ich sehr zufrieden bin und sie beschließen, es zu versuchen und sich bei ihm einen Termin geben zu lassen.
Töchterchen ist mittlerweile etwas gelangweilt. Sie bohrt mit dem großen Zeh, der aus ihrer Sommersandalette herausragt, in kreisförmigen Bewegungen ein Loch ins Erdreich.
Ihr Vater spricht sie aufmunternd an, für mein Empfinden fast schon ein wenig zu enthusiastisch:
„Nicht wahr, Anni, wir besuchen diesen Zahnarzt, und dann kann sich der Herr Doktor auch gleich deine Zähne mit ansehen. Pass auf, das wird toll!“
„Nö.“
Das kommt prompt und entschieden. Sie bohrt weiter Löcher und schaut nicht hoch.
Die Eltern werfen sich Blicke zu.
„Ach komm“, sagt nun die Mama beschwichtigend, „das geht doch auch ganz schnell!“
Eine kleine Pause entsteht.
„Erst mal gucken“, meint Anni nur.
„Was willst du gucken?“ fragt der Papa, nun eine kleine Spur genervter.
Keine Antwort. Schweigen vor der Schranke.
Ich bin neugierig, denn es ist ihr auf der Stirn abzulesen, dass sie eine Vorstellung von einem ihr genehmen Zahnarzt hat. Ich stelle nun meinerseits beiläufig eine Frage an das kleine Mädchen:
„Anni, was für einen Zahnarzt hättest du denn gerne? Möchtest du vielleicht noch mehr über meinen wissen?“
Ihr Kopf schnellt herum und sie platzt heraus:
„Ja! Hat er weiche Hände?“
Ich konnte mir das Lachen gerade noch verkneifen, doch die Mundwinkel gingen eigenständig etwas höher. Es kamen Erinnerungen hoch, denn meine Mutter hatte mir erzählt, dass auch für mich diese ‚Sache’ ein maßgebliches Auswahlkriterium gewesen war.
Heute weiß ich, es sind nicht die Hände gemeint, die dauernd eingecremt werden und zart wie Babyhaut sind. Nein, es sind die Hände gemeint, die sanft mit einem umgehen.
Die mag ich übrigens bis heute – nicht nur beim Zahnarzt…
8 Antworten
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Hallo, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Und war Anni da?
LG
Elke
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Hallo,
einen guten Zahnarzt kann ein Laie gar nicht erkennen, sage ich. Der ZA arbeitet im Verborgenen, der Patient kennt sich nicht aus, das größte Übel spielt sich im Kiefer ab, das kann der Patient nicht sehen, und zu guter letzt, spürt der Patient erst Schmerzen, wenn mind. 70-80 % des Kiefers bereits angegriffen sind. Bei wurzelgefüllten Zähnen spürt der Patient lange gar nichts, weil der Nerv tot ist. Und wenn er dann was spürt, dann meistens schon ein fettes Granulom, das dann im Zuge einer Wurzelspitzenresektion entfernt wird. Dann wird der ganze Kram wieder zugenäht und kann munter weiter gammeln. Sorry, aber so sieht die Realität wirklich aus. Ich kann es nicht schöner beschreiben.
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Liebe Elke, laut letztem Stand war der Termin vereinbart, und Anni sah ihm frohen Mutes und auch ein bisschen neugierig entgegen. Ich habe sie allerdings noch nicht wieder gesprochen.
Danke auf dir, liebe Alexa, für deinen Kommentar. Ich könnte eine zweite Geschichte schreiben, die sich wirklich um das Können, Wissen, etc. eines Zahnarztes drehen würde und Kriterien nennen, die letztendlich wirklich zählen. Und eine dritte Geschichte mit – wie du es schon andeutest – negativen Erfahrungen der Patienten. Doch wäre das hier – auf dieser Seite – nicht etwas fehlplatziert…?
Liebe Grüße an euch beide
M.
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@M: Die schöne Geschichte ist, ich habe endlich einen Zahnarzt gefunden, den es auf dieser Erde meiner Meinung nach nur einmal gibt. Er achtet eben genau auf die Dinge, die ich oben beschrieben habe. Dafür fahre ich immer 90 Minuten hin und 90 Minuten zurück, wenn ich zu ihm will. Außerdem muss ich ihn privat bezahlen, doch das ist er mir mehr als wert
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Liebe Alexa, wie schön, wenn du eine solche Lösung für dich gefunden hast!
LG – M.
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Was für eine schöne Geschichte! Und … stimmt, die aufgezählten Kriterien + sanft!
Liebe Grüße vom Ammersee – Renate
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Seitdem mein Zahnarzt mir erzählte, dass er auch Angst vorm Bohren hat ist er mir noch sympathischer. Er ist wirklich sanft und läßt mich weniger verkrampfen als bei so manch anderem, den ich schon heimgesucht habe. Wie so häufig im Leben ist es eine Vertrauensfrage.
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Liebe Renate, lieber Raoul,
ich merke, ihr habt auch so empfunden, dass es viel ausmacht, auf welche Art sich jemand nähert. Sanft oder ruppig, respektvoll oder dominant (wobei mir klar ist, dass es von der Wortbedeutung her keine Gegensätze sind). Die Vertrauensfrage – völlig richtig, Raoul. Fehlt Vertrauen, fehlt der Grundstein.
Bei der sanften Methode hingegen, sehen wir selbst unangenehmeren Dingen wesentlich gelassener entgegen. Ein verbreiteter Irrtum ist es zu glauben, sanft wäre gleichbedeutend mit schwach. Dem ist nicht so…
Danke für eure Kommentare!
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