Wenn Rektoren Jubiläum haben ….
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Heute würde ich euch gern eine Geschichte erzählen, die zwar schon ein paar Jährchen zurückliegt, mir aber kürzlich einfiel, als Musik ‚geblipt’ wurde. Selber nach Titeln suchend, stieß ich auf ein französisches Lied ….
…. Nach der Schulzeit und während ich noch gar nicht ganz fertig war mit Berufsausbildung und allem was so dazugehört, ergab sich die Notwendigkeit, selbst möglichst schnell und regelmäßig Geld zu verdienen. Ohne fertige Ausbildung war und ist das nicht einfach, aber ich nahm alles was kam. In den Ferien auf Messen (Hannover, Köln), an den Wochenenden in einem Café/Konditorei und zusätzlich oft noch an den Abenden Nachhilfeunterricht in den Sprachen für Gymnasiasten meiner ehemaligen Schule. Es gab Zeiten, da hatte ich sechs Schüler gleichzeitig und kam langsam in Termindruck. Irgendwann musste ich ja auch selbst für meine Prüfungen lernen. Es ließ sich nicht alles gleichzeitig managen. Mit gewissem Vorlauf kündigte ich mein ‚Ausscheiden’ an, nicht ohne zu versichern, dass ich im Notfall immer noch zur Verfügung stehen würde.
Meine Schüler waren unheimlich verständnisvoll und nett, was mich auf die Idee brachte, ihnen vorzuschlagen, dass wir zum Abschluss zusammen etwas Einstudieren würden. Eine besondere Feier stand in der Schule an, der Rektor hatte Jubiläum und ein Erweiterungsbau sollte ebenfalls eingeweiht werden. Ehemalige hatten mir davon erzählt und auch, dass das Programm doch noch etwas spärlich sei.
Meine vier Jungs uns zwei Mädchen waren sich nicht sicher, ob sie so etwas ‚könnten’, und mit ‚so etwas’ meinten sie, ein oder mehrere französische Lieder einzuüben plus ein wenig Theater drum herum – Show im kleinen Stil.
Meine Chance sah ich darin, noch ein paar Leute zusätzlich mit einzuspannen. Nachdem fünf weitere zusagten, ging es los. Programmauswahl, Probenabstimmung, Szenenbesprechung, Outfit, Sound, Beleuchtung, – es gab viele Punkte und die Zeit war nicht üppig bemessen. Noch vier Wochen standen uns zur Verfügung. Nicht viel, wenn man ca. 12 Leute unter einen Hut bekommen muss!
Glück im Pech war (und das hört sich jetzt sarkastisch an), dass mein Vater meine Mutter und mich kurz vorher verlassen hatte und ich somit die ganze Truppe mit nach Hause bringen konnte, was er nie im Leben gestattet hätte.
Meine Mutter, die immer viel selbst genäht hat, half uns mit Stoff aus und legte bei einigen Umhängen selbst mit Hand an. Andere brachten eigenes Material mit, aus Tapetenresten und dicken großen Pappen entstand zusätzlich Kulisse. Jeder machte für sich allein auch zu Hause weiter, übte Texte, klebte, nähte, sorgte für technisches Equipment.
Unser Programm stand:
1) Cabaret – die Eröffnungsnummer (weil die dazu gestoßenen Schüler, nicht nur Französisches wollten.
2) Amsterdam – Jaques Brel (weil wir einen Jungen dabeihatten, der wunderbar singen und sogar parodieren konnte)
3) La Ballade des Gens Heureux – Gérard Lénorman (für alle, mit allen und weil es Spaß macht)
Die Proben schritten gut voran. Einen Tag vor der Feier dann der Anruf der Schule. Ach, übrigens, dieses Jubiläum des Rektors. Da hätten wir uns doch sicher speziell etwas einfallen lassen, nicht wahr? Für den alter Lateiner!!!
Oh, Gott! Nicht das! Nicht jetzt und nicht uns! Alles Nicht-Lateiner, und eh schon nervös vor lauter Lampenfieber. Nach dreimal Schlucken dann ganz pragmatisch: Lateinbuch her, Text suchen, Lied lernen. Nachttreff, Probe und Textzettel fürs Bett daheim. Scheibenkleister!
Wir nahmen dieses olle Studentenlied, worauf hoffentlich ältere Rektoren abfahren:
Gaudeamus igitur
juvenes dum sumus;
post jucunnam juventutem
post molestam senectutem
…
Toll, echt toll, supertoll! Mann, Mann – okay, irgendwie – aber ohne Verkleidung- verehrter Herr Dr. Weber!
Der nächste Abend kam. Die Aula geschmückt, die Gäste erwartungsfroh, die Sänger im Stress. Der Beleuchter war krank geworden, doch – Wunder geschehen – der Biologielehrer sprang ohne Zögern ein. Auf die Frage, ob er alles verstanden hätte, wann und wo welches Licht zu leuchten hätte, meinte er nur: „ Leute, ich leuchte den an, der singt! Fertig! Mehr ist jetzt nicht drin. Wird schon!“ Das Ganze begleitet von einem leicht verunglückten Grinsen.
Irgendwann gab es keinen Aufschub mehr. Kurze Pause für den Aufbau. Cabaret. Ihr kennt sicher den Conférencier (Willkommen, Bienvenue, Welcome…). Anzug, stark geschminkt, im Background der Chor. Einer unserer Jungs war der Genialste, Schmierigste, am Schleimigsten grinsende Conférencier, den die Menschheit gesehen hatte! Willll-kom-määän, Biäänvenü , Wälkammm! Die Chorbesetzung hinten alle in Schwarz und um oder mit einem Stuhl tanzend. Hochhackig und mit Nahtstrümpfen die Mädels … das lenkte von minimalen Textschwächen recht gut ab! Der Applaus war überaus freundlich. Der nette Biologielehrer entpuppte sich als Naturtalent. Die Beleuchtung war gerettet.
Amsterdam. Dunkle Bühne. Minimale Lichtausbeute durch einen gedimmten Strahler. Auch hier hatte unser Beleuchter begriffen, was wir wollten. Und dann kam er: Jaques Brel. Wer je Videos gesehen von einem Brel-Auftritt, weiß, der Mann war charismatisch, dramatisch, er litt in seinen Liedern, er erlebte den Fieberwahn, flüsterte. Und er rauchte. Der Brel auf der Bühne hieß Boris, trug Baskenmütze, Anzug, offenes Hemd, Krawatte auf halb acht und qualmte, was das Zeug hielt. Er hatte Angst gehabt, den Text zu vergessen, Seine Angst war unbegründet gewesen. Er nuschelte sich an drei Stellen über etwas hinweg, was aber sehr gewollt wirkte. Ich war unheimlich stolz auf ihn! Er hatte sich in der Zeit der Nachhilfe um zwei Noten verbessert und was er hier machte, war phänomenal. Ich glaube, er hatte wieder Spaß an der Sache gewonnen. Das Publikum brüllte vor Begeisterung.
Unserem Rektor schien es auch ganz gut zu gefallen. Ein guter Moment, jetzt die in aller Hast einstudierte Nummer anzukündigen. Große Augen bei Dr. Weber, damit hatte er nicht gerechnet, und offensichtlich hatte es ihm auch keiner vorher verraten. Ich vermute mal aus Zeitmangel. Wir hatten doch auch erst gestern davon gehört.
12 Leute, immer noch formell gekleidet, mit Aktentaschen unter den Armen, treten seriös auf die Bühne. So, mein Lieber, nun geht’s los für dich:
Gaudeamus…..
Da hat doch der Herr Rektor tatsächlich ein kleines Tränchen im Auge! Das machte ihn richtig sympathisch, und wir dachten auf einmal: War doch gut, dass wir’s noch getan haben!
Gerührt kam er zu uns und bedankte sich überschwänglich. Er wollte kaum wieder gehen, so dass uns wieder einmal der Biologielehrer zur Hilfe kam und ihn, Smalltalk machend, zurück zu seinem Stuhl begleitete.
Er flitzte zurück zu seinem Beleuchterposten, denn nun war sie dran, die Ballade, die eigentlich keine Ballade ist. Mehr ein Schlager. Da wir vorher alle sehr dunkel gekleidet waren und nun die Ballade des Gens Heureux, also die der glücklichen Menschen, an der Reihe war, wurde erstens die Kulisse auf bunt und hell umgestaltet (unsere Hintergründe kamen zum Einsatz) und zweitens zogen sich alle 12 blitzschnell bunte Überhänge, Wickelkleider, Schals , Gürtel, Kopfbedeckungen, usw. an. Wir verzichteten auf einen zweiten Gérard Lénorman, traten als Gesamtwerk auf, machten aber unsere Musik dazu komplett selbst. Zwei Gitarren, eine am Klavier, einer am Schlagzeug, das reichte völlig. Worauf wir spekuliert hatten war, dass der Text so simpel ist, dass alle mitmachen können. So etwas funktioniert auch, wenn es nicht als Erstes drankommt. Dann traut sich nämlich kein Mensch! Wir hatten uns überlegt, während dieses Liedes die Bühne zu verlassen und durchs Publikum zu marschieren. Der Mittelstufenchor hatte nachmittags bei der Generalprobe zugehört und sich spontan bereit erklärt, beim Refrain kräftig mitzuhelfen. Mehr als toll, denn so kamen noch mal 40 Stimmen dazu.
Ich kann nur sagen, der Abend war wunderschön, die Schüler toll, das Publikum hätte nicht besser sein können. Dieses Erlebnis habe ich gern wieder aus der Erinnerung hervorgekramt, und ich hoffe, es ist nicht zu eintönig für euch, die ihr es nicht miterlebt habt. Mit zwei Schülern stehe ich tatsächlich bis heute noch im losen Kontakt!
Vielleicht habt ihr andere Erlebnisse, die jetzt in euch hochkommen. Erzählt sie doch mal! Ich bin so gespannt darauf!

4 Antworten
Wenn ich im Publikum gesessen hätte, ich wäre auch begeistert gewesen. Du schreibst sehr lebendig und schön. Vielen Dank für diese tolle Geschichte.
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...geschrieben am 28. Mai 2010 um 09:38 von dirk
Ich klatsche ganz doll und juble euch zu. Ab und zu ertappe ich mich mitzusingen. Es hört mich ja keiner. Tolle Geschichte.
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...geschrieben am 28. Mai 2010 um 10:33 von ciao_calotta
Man hört und liest bei jedem Wort: Hier schreibt ein glücklicher Mensch eine seiner eigenen, kleinen Balladen. (Oder Schlager)
Danke, MyLady, ich habe jetzt Lust auf Cabaret! Oder doch eine Konzertaufzeichnung mit Brel? Wie auch immer du dich entscheidest, denn du kommst doch mit, oder?- Im Hintergrund läuft gerade La Ballade des Gens Heureux…
Deinen Ausflug in die Vergangenheit habe ich sehr genossen!
L-GC
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...geschrieben am 28. Mai 2010 um 13:24 von gecko6366
Nr. 4
Was für eine wunderbare Geschichte! Bei diesem Auftritt wäre ich SEHR gern im Publikum gesessen!!!
Viele Grüße – Renate
P. S.: Die Ballade höre ich gerade … schon seit Jahren nicht mehr gehört. Ist irgendwie in Vergessenheit geraten.
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...geschrieben am 30. Mai 2010 um 13:47 von Renate