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.., dass man da aber auch kein Mitspracherecht hat!

Geschrieben von ladyfromhamburg (Profil | Alle Beiträge) in Allgemein
gelesen: 548 · heute: 2
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10/04 2010

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Freitag.Vorhin war ich zwischendurch schnell los, um noch einige Lebensmittel einzukaufen. Ein Tag, an dem an den Kassen immer recht viel los ist, dementsprechend lang war auch die Schlange. Endlich hatten meine vom Stepptanz muskelkatergeplagten Beine den Bereich der Quängelzone erreicht, also die Regale in Griffhöhe der Kinder, die mit so gesunden Sachen wie Kinderschokolade, Bonbons und Überraschungseiern gefüllt sind.
Nun, ein großes Kind wie mich, sprachen so ein bisschen die Mon Chérie an. Während ich noch hin- und herüberlegte und meine Hand langsam in Richtung der Kirschen bewegte, hörte ich hinter mir plötzlich eine recht energische Stimme sagen: „Michèle, lass die Finger davon, wie oft soll ich dir das noch sagen. Komm jetzt her!“ Wow, das saß! Ich drehte mich doch etwas verdutzt um. Hinter mir in Hüfthöhe erblickte ich ein etwa fünfjähriges und beleidigt dreinschauendes Mädchen. Dahinter dann eine resolut wirkende Mama. Hm, offensichtlich war nicht ich gemeint, sondern meine blonde Namensvetterin. Klein-Michèle spurte nicht wunschgemäß und versuchte nochmals, etwas Proviant zu ergattern. „Michèle !!!Kannst du nicht hören, ich rede mit dir, oder kennst du deinen Namen nicht mehr?!“ Die Kleine verschränkte die Arme vor der Brust, zog einen Schmollschmund und antwortete maulend, aber ziemlich bestimmt: „ Ich heiße nicht Michèle, ich heiße Lotta!!“

Inzwischen war ich an der Reihe mit bezahlen, daher endete für mich hier auch das Gespräch zwischen Mama und Klein-Michèle-Lotta. Ach, ich konnte sie ja so gut verstehen! Nicht immer ist man glücklich mit der Namenswahl, mit dem, was einem die Eltern da aufgezwungen haben. Ich hätte mich gerne noch mit ihr unterhalten – auch, um ihr zu sagen: Pass auf, das wirst du später anders sehen, denn die Zeiten ändern sich und du dich mit.

Bei mir war die Entscheidung für einen französischen Rufnamen dadurch gefallen, dass ein Teil der Familie ursprünglich aus Frankreich stammte und der Familienname eben französisch war. Es sollte halt ‚passen’. Nur, mein Vater hatte bereits einen deutschen Vornamen, man sprach kein Französisch – wozu also das Ganze? Wahrscheinlich aus Protest nannte ich meine Puppe dann einfach Helga (Man beachte, dass es auch noch ein Name mit einem H vorne war – ‚allo!)

In den 70ern, als ich zur Schule ging, hatte kein Mensch einen ausländischen Namen. Mädchen hießen Sabine und Petra, die Jungen Michael, Thomas oder etwas in der Art. Alles andere war irgendwie außerirdisch. Und dann noch diese Schreibweise – was sollte das denn? Keiner wusste, wie man’s buchstabierte, keiner konnte es aussprechen, wenn er’s las und keiner wusste, ob das nun ein Mädchen oder Junge sein sollte, denn die Aussprache war gleich. Heute, in den Zeiten der Kylies, Cindys, Viviennes, Penélopes, der Romeos, Apalatchis und Justin-Patricks, ist das kaum noch vorstellbar, doch ich habe damit zu kämpfen gehabt. Lehrer, die es einfach nicht lernten, den Namen richtig zu sagen, Zeugnisse, die dreimal geschrieben werden mussten, weil immer noch der etwas falsch geschrieben war und reichlich Verballhornungen des Namens seitens einfallsreicher Mitschüler.

Als ich in das Alter des Siezens kam, dachte ich, das Schlimmste sei überstanden. Den Nachnamen konnten sie ruhig alle deutsch aussprechen. Doch dann bekam ich hochoffizielle Post. Die Bundeswehr bat mich zur Musterung. Die Post hatte für die Zustellung des Bescheids lange gebraucht. Ich bekam die ‚Einladung’ an einem Freitag und sollte am Montag in Elmshorn antreten. Naiv wie ich war, dachte ich, ein Anruf zur Klärung würde genügen. Man glaubte es nicht. Kann ja jeder seine Schwester zum Anrufen abkommandieren und sich Märchen ausdenken. Man wünschte eine beglaubigte Geburtsurkunde, und zwar pronto. Das zuständige Amt hatte an dem Freitag natürlich schon geschlossen, und das Amt für Wehrerfassung drohte mir mit rechtlichen Mitteln, wenn ich Montag nicht selbst vorbeikäme. Was blieb mir anderes übrig.
Ich packte mir die Unterlagen, die ich hatte, ein und ebenfalls ein paar Dinge, die alle zur Musterung mitbringen sollten. Leichte sportliche Kleidung, etc. Das ziehe ich jetzt durch, ihr werdet schon sehen!

Montagmorgen: ein unscheinbares Gebäude in Elmshorn. Am gläsernen Empfang sitzt ein müde dreinschauender, desinteressiert wirkender Herr. „Name?“ Ich nenne meinen Nachnamen. „Was möchten Sie?“ „Ich habe einen Termin zur Musterung!“ Fünf Sekunden Schweigen. „Wollen Sie mich verarschen?“ Ich zeige ihm meine persönliche Einladung.
„Ausweis!“ Ja, auch am Empfang herrschte schon so etwas wie Kasernenton. Mit zuckersüßem Lächeln reiche ich meinen Ausweis. „Moment.“ Ein Anruf folgt. „Warten Sie hier!“. Ja, aber klar doch. Nach drei Minuten kommt ein Mitarbeiter aus einem der oberen Stockwerke die Treppe heruntergeseilt. Weitere zehn Minuten vergehen , bis meine Identität soweit zufriedenstellend geklärt ist, dass ich mit hoch darf. Eine weitere halbe Stunde später ist die Bürokratie abgeschlossen, meine Akte auch, ich brauchte nicht einmal meinen mitgebrachten
Bikini. Hätte ich auch nicht angezogen, aber ich hätte gerne mal die Gesichter gesehen, wenn ich im Herrenumkleideraum aufgetaucht wäre.

Nun, also keine Bundeswehr. Das ging ja noch mal gut. Als nächstes, etwa vier Wochen später, kam das Schreiben des Bundesgrenzschutzes mit einem Angebot, dort einzusteigen.
Ich rief an, und man entschied sich, auf mich zu verzichten.
Als ich mich für den diplomatischen Dienst bewarb (nur erstmal die erste Stufe des Bewerbungsmarathons), bekam ich ein Schreiben, dass erstens keine Männer gesucht werden (wieder jemand, der es nicht vermochte, Michèle und Michel auseinanderzuhalten) und dass zweitens nur Bürger deutscher Herkunft hierfür in Frage kämen!“ Hallo? Ich bin weiblich, deutsch und willig (zu arbeiten)! Was dabei herauskam? Ich durfte ein Praktikum bei der Botschaft in Paris machen. Kompromiss sozusagen.
Als ich heiratete, wurde ich von der Firma meines Mannes durchgecheckt, ob ich nicht ein Sicherheitsrisiko darstellte. Acht Seiten Fragebogen!
Wie ihr es aus der Geschichte mit Jochen Ahlmann kennt, hat auch dieser meinen Namen aufs Schändlichste missbraucht ;)

Aber es gab auch Vorteile dadurch. Während ich auf der damaligen Hannover-Messe arbeitete, bekam ich echt interessante Aufträge, weil die Leute mich für eine Französin hielten.
Nebenher versuchte ich, mir ein bisschen Geld dazuzuverdienen, indem ich mich um einen Job als Synchronsprecherin für französische Werbespots bewarb. Die suchten eigentlich Franzosen dafür, und es sollte von deutsch nach französisch und umgekehrt eingesprochen werden Man lobte mein gutes Deutsch! Ich warb hemmungslos für Orangensaft und Duschgel, gab den Job allerdings ziemlich bald wieder auf, denn die Firma bekam auf einmal keine Spots mehr zum Synchronisieren, sondern Pornos. Und das ist nun nicht so mein Ding.

Ich kann also sagen, mein Name hat sich irgendwann als erträglich entpuppt, und es gibt ein paar Menschen, die ihn sehr nett aussprechen können.

Es hat nur etwas gedauert und die Zeiten mussten sich ändern, um Nichtalltägliches alltäglich werden zu lassen. Heute wird mein Name nur noch ‚verenglischt’ (Michelle) oder von einem rigenwilligen Computer, der keinen Accent auf das erste E setzt, zu einem Michele gemacht. Das wiederum hat zur Folge, dass jetzt der italienische Michael gemeint ist, also wieder ein Mann. Daher bekam ich kürzlich auch Post von Alfa-Romeo mit einer Einladung zur Testfahrt.

Zum Abschluss also die durchaus etwas ernst gemeinte Frage: Warum hat man bei der Vergabe seines Namens bloß kein Mitspracherecht? Was bliebe einem da manchmal nicht alles erspart! Liebe zukünftige Eltern! Ein zweiter Vorname könnte vielleicht auch die Gesamtsituation entschärfen.

In diesem Sinne seid herzlich gegrüßt

Eure (weibliche) Michèle

9 Antworten

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Das ist echt eine lustige, naja ..für dich vielleicht früher nicht, aber heute bestimmt Geschichte. Besonders schmunzeln musste ich bei der Einberufung…zu genial. Was hätt ich für die ganzen verdatterten Bürokratengesichter gegeben ;-) Echt Klasse, dankeschön!

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...geschrieben am 10. April 2010 um 05:00 von Elyrai

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sitze hier mit einem grinsen – wunderbar -

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...geschrieben am 10. April 2010 um 07:35 von unseenbird

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So lebendig und lebensnah! Hätte dich gern im Supermarkt vor dem Naschregal ertappt gesehen und wäre im Herrenumkleideraum der Bunten Wehr dabei gewesen… Ich mag deine Geschichte und deinen Namen. Frage mich allerdings gerade, ob ich denn weiß, wie man ihn RICHTIG ausspricht!
L-GC

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...geschrieben am 10. April 2010 um 11:06 von gecko6366

Nr. 4

Eine wunderschöne und lustig geschriebene Geschichte aus deinem Leben.. Danke für dieses kurzweilige Amusement…glg von der Insel Rügen

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...geschrieben am 10. April 2010 um 14:39 von gerdicom

Nr. 5

Das ist genau die Art von Geschichte, die man zum Aufbauen braucht: interessant, fesselnd – und trotz aller Widernisse sehr lustig!
Ich habe sie auch zweigleisig genossen, also während des Hörens mitgelesen. Das macht mir viel Spaß und man erlebt die Geschichte noch intensiver.
Sehr schön geschrieben – und die Frage als Quintessenz kann ich nur lautstark unterstützen!!

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...geschrieben am 10. April 2010 um 16:24 von BSEplus

Nr. 6

Ihr Lieben,
ich bin ganz überrascht, wieviele hier schon gelesen und jetzt auch einen Kommentar hinterlassen haben. Es freut mich, wenn es für euch kurzweilig ist und euch erheitert! Im Nachhinein ist es auch für mich manchmal zum Schmunzeln, aber ich kann euch sagen, als Kind ….

Also nochmals vielen Dank für die positive Resonanz!
LG Michèle

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...geschrieben am 10. April 2010 um 17:19 von ladyfromhamburg

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Deine Geschichte hat mir beim lesen immer wieder ein Lächeln in das Gesicht gezaubert.

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...geschrieben am 10. April 2010 um 17:46 von ciao_calotta

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Einfach nur herrlich und ich habe meine Mundwinkel fast an den Ohren :-)
Danke Dir für die schöne Geschichte.

Erzähle bei Gelegenheit auch mal, wie ich zu meinem Vornamen kam…
Liebe Grüße von Anke

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...geschrieben am 10. April 2010 um 21:18 von Hansedog

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Îch lächel immer noch ganz doll. Tolle Geschichte.

Ach ja, Musterung. Ich bekam dann auch einen Musterungsbefehl an die Adresse 2000 Hamburg 39 Südring 20 Blindenjugendheim. Adressen waren damals so. Ich bin dann mit meinem Schwerbehindertenausweis zum Kreiswehrersatzamt an den Sophienterrassen gegangen. Das Ding war schnell geregelt. Es war Freitag Nachmittag und der Kommisskopp war schon in Hut und Mantel und hat mich ziehen lassen. Wochen später bekam ich dann auch meinen Wehrpass. Muß ja alles seine Ordnung haben. :)

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...geschrieben am 10. April 2010 um 21:39 von HolgerKlang

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